Der BGH und die Widerrufsbelehrung (Sparkassenbelehrung BGH XI ZR 564/15)

Der BGH hat sich in sei­nem Urteil vom 12.07.2016 Az. XI ZR 564/15 nicht nur zu einer weit ver­brei­te­ten Ver­si­on einer Wider­rufs­be­leh­rung von den Spar­kas­sen befasst, son­dern die­se Gele­gen­heit genutzt, ein paar grund­sätz­li­che Fest­stel­lun­gen zu treffen.

Kein Zwei­fel gibt es vor allem dar­an, dass die vom BGH behan­del­te weit ver­brei­tet Wider­rufs­be­leh­rung von Dar­le­hens­ver­trä­gen vie­ler Spar­kas­sen als falsch ein­zu­stu­fen ist.

Die Wider­rufs­be­leh­rung ent­hielt u.a. fol­gen­de Formulierung:

Sie kön­nen Ihre Ver­trags­er­klä­rung inner­halb von zwei Wochen [2] ohne Anga­be von Grün­den in Text­form (z.B. Brief, Fax, E‑Mail) wider­ru­fen. Die Frist beginnt frü­hes­tens mit Erhalt die­ser Belehrung.“
„[2] Bit­te Frist im Ein­zel­fall prüfen.“

(BGH Urteil vom 12.07.2016 Az. XI ZR 564/15)

Inhalt­lich ist die­se Wider­rufs­be­leh­rung feh­ler­haft, weil sie den Pas­sus „frü­hes­tens“ ver­wen­det hat. Dies hat­te der BGH bereits mehr­fach ent­schie­den. Aller­dings ent­hielt auch das Mus­ter der Wider­rufs­be­leh­rung in der Anla­ge 2 zum § 14 BGB Info­VO vom 02.09.2002 bis zum 31.03.2008 die­se Formulierung.

Es gab daher bis­her eini­ge Gerich­te, die die­se vor­lie­gen­de Wider­rufs­be­leh­rung des­halb als aus­rei­chend ange­se­hen haben. Die­se Gerich­te hat­ten der jewei­li­gen Spar­kas­se den soge­nann­ten Ver­trau­ens­schutz, auch Gesetz­lich­keits­fik­ti­on genannt, des § 14 Abs. 1 BGB Info­VO zuge­stan­den. Die­ser besag­te, wenn die Bank exakt das jewei­li­ge Mus­ter der Wider­rufs­be­leh­rung in der Anla­ge 2 zum § 14 BGB Info­VO ver­wen­det, dar­auf ver­trau­en darf, dass er rich­tig belehrt hat. Dies hat zur Fol­ge, dass das Wider­rufs­recht immer in Gang gesetzt wird, egal ob tat­säch­lich rich­tig belehrt wur­de oder nicht.

Der BGH hat jetzt abschlie­ßend geklärt, dass die­se Argu­men­ta­ti­on falsch ist. Die Wider­rufs­be­leh­rung ist inhalt­lich unrich­tig und es besteht kein Ver­trau­ens­schutz hin­sicht­lich die­ser Widerrufsbelehrung. 

Die Ein­grif­fe in den Text des Mus­ters sind zu weit­ge­hend. Der BGH benennt hier­bei expli­zit fol­gen­de Abwei­chun­gen als rele­van­te Ein­grif­fe, die zum Ent­fall des Mus­ter­schut­zes führen:

  • Fuß­no­ten, die das Mus­ter nicht vorsieht.
  • Das Abdru­cken von Gestal­tungs­hin­wei­sen des Mus­ters der Wider­rufs­be­leh­rung, die nur für den Ver­wen­der zum Erstel­len der Wider­rufs­be­leh­rung gedacht waren.
  • Das Feh­len der Anga­be einer ladungs­fä­hi­gen Anschrift.
  • Text­li­che Abwei­chun­gen vom Mus­ter­text unter der Über­schrift „Finan­zier­te Geschäfte“.

Der BGH sorgt etwas mehr für Ein­sicht, wel­che Ein­grif­fe in den Mus­ter­text erlaubt sind und wel­che nicht.

Der BGH führt ergän­zend bei­spiel­haft auf, wel­che Ver­än­de­run­gen in der Wider­rufs­be­leh­rung für Dar­le­hens­ver­trä­ge in Ord­nung sind, ohne dass der genann­te Ver­trau­ens­schutz ent­fällt. Die­se Fest­stel­lun­gen soll­ten von grund­sätz­li­cher Bedeu­tung sein, weil der Ver­trau­ens­schutz bis heu­te in unter­schied­li­cher Nor­mie­rung für die Wider­rufs­be­leh­run­gen von Dar­le­hens­ver­trä­gen fort­be­steht und von Bedeu­tung ist.

Unbe­denk­lich sind laut BGH Abwei­chun­gen vom Mus­ter­text der Wider­rufs­be­leh­rung für Dar­le­hens­ver­trä­ge im O‑Ton:

Zu sol­chen unbe­denk­li­chen Anpas­sun­gen rech­nen zum Bei­spiel das Ein­rü­cken oder Zen­trie­ren von Über­schrif­ten, der Ver­zicht auf eine Ein­rah­mung oder deren indi­vi­du­el­le Gestal­tung. Eben­falls bleibt die Gesetz­lich­keits­fik­ti­on erhal­ten, wenn der Unter­neh­mer die Wider­rufs­be­leh­rung im Text einem kon­kre­ten Ver­brau­cher­ver­trag zuord­net oder ohne Abstri­che bei der Ver­ständ­lich­keit des Tex­tes Begrif­fe des Mus­ters durch Syn­ony­me ersetzt. Eben­so geht die Gesetz­lich­keits­fik­ti­on nicht ver­lo­ren, wenn der Unter­neh­mer von sich selbst nicht in wört­li­cher Über­ein­stim­mung mit dem Mus­ter in der drit­ten Per­son Sin­gu­lar, son­dern in der ers­ten Per­son Plu­ral spricht.“ (BGH Urteil vom 12.07.2016 Az. XI ZR 564/15)

 

Der BGH hat ver­sucht den Gerich­ten einen Leit­fa­den an die Hand zu geben, der es ein­fa­cher machen soll zu bestim­men, ob die jewei­li­ge Wider­rufs­be­leh­rung des Dar­le­hens­ver­tra­ges dem gesetz­li­chen Mus­ter ent­spricht oder nicht.

Die­se Fest­stel­lun­gen sind gera­de auch für neue­re Dar­le­hens­ver­trä­ge interessant.

Es dürf­te mit die­ser Ent­schei­dung eben­falls geklärt sein, dass neue­re Wider­rufs­be­leh­run­gen für Dar­le­hens­ver­trä­ge die ab dem 11.06.2010 geschlos­sen wur­den, gleich­falls kein Ver­trau­ens­schutz genie­ßen, wenn ent­spre­chen­de Abwei­chun­gen vom Mus­ter vorliegen.

Der BGH hat­te dies hin­sicht­lich einer Spar­kas­sen­be­leh­rung in einer ande­ren Ent­schei­dung noch offen gelas­sen, weil es mit der Revi­si­on nicht ange­grif­fen wurde.

Mitt­ler­wei­le ist hin­ge­gen mit die­sem Urteil des BGHs deut­lich gewor­den, dass etwa die Nen­nung der „Auf­sichts­be­hör­de“ als Bei­spiel für die not­wen­di­gen Pflicht­in­for­ma­tio­nen in den Wider­rufs­be­leh­run­gen von neue­ren Dar­le­hens­ver­trä­gen ab dem 11.06.2010 eine ein­deu­ti­ge Abwei­chung vom Mus­ter dar­stel­len dürfte.

Der BGH hat noch wei­te­re gewich­ti­ge Fest­stel­lun­gen getrof­fen, die über den Ein­zel­fall hin­aus von Bedeu­tung sein werden.

Die Anga­be eines Post­fa­ches in der Wider­rufs­be­lehurng des Dar­le­hens­ver­tra­ges ist per se erst­mal nicht falsch bei Dar­le­hens­ver­trä­gen die bis zum 10.06.2010 geschlos­sen wur­de, führt aber zum Ent­fall der soge­nann­ten Gesetzlichkeitsfiktion.

Sofern die Bank in der Wider­rufs­be­leh­rung kei­ne ladungs­fä­hi­ge Anschrift angibt, ist dies für sich genom­men kein Feh­ler, der zur Unwirk­sam­keit der Wider­rufs­be­leh­rung führt. Dies hat­te der BGH bereits zuvor ent­schie­den und ist nichts Neu­es. Neu hin­ge­gen ist, dass der BGH fest­stellt, dass das Feh­len einer ladungs­fä­hi­gen Anschrift für die Wider­rufs­be­leh­run­gen von Dar­le­hens­ver­trä­gen bis zum 10.06.2010 jeden­falls aber zum Ent­fall der bereits genann­ten Gesetz­lich­keits­fik­ti­on führt. Die betrof­fe­ne Bank kann daher in die­sem Fall nicht mehr dar­auf ver­trau­en, dass ihre Wider­rufs­be­leh­rung dem gesetz­li­chen Mus­ter ent­spricht und per Defi­ni­ti­on aus­rei­chend ist.

Wie die Sach­la­ge für Dar­le­hens­ver­trä­ge ist, die ab dem 11.06.2010 geschlos­sen wur­den, lässt der BGH zunächst offen. Nach­dem er aber eine zeit­li­che Zäsur ein­ge­fügt hat, spricht vie­les dafür, dass die Anga­be kei­ner ladungs­fä­hi­gen Anschrift bzw. nur eines Post­fa­ches bei Wider­rufs­be­leh­run­gen für Dar­le­hens­ver­trä­ge ab dem 11.06.2010 ein ein­deu­ti­ger Feh­ler sein könn­te, der zur Unwirk­sam­keit der Beleh­rung führt.

Beson­de­ren Wert leg­te der BGH in der Ent­schei­dung auf die Wür­di­gung der in der Wider­rufs­be­leh­rung ent­hal­te­nen Fußnote.

Die Fuß­no­te „Bit­te Frist im Ein­zel­fall prü­fen.“ wird vom BGH als eige­ner Feh­ler aner­kannt. Daher ist im Lich­te die­ser Ent­schei­dung jede Wider­rufs­be­leh­rung poten­zi­ell falsch, die die­se oder eine ähn­li­che Fuß­no­te enthält.

Zum ande­ren unter­rich­te­te die Wider­rufs­be­leh­rung in ihrer kon­kre­ten Gestalt undeut­lich über die Län­ge der Wider­rufs­frist. Zwar gab sie die Wider­rufs­frist gemäß § 355 Abs. 2 Satz 1, Abs. 1 Satz 2 BGB aF grund­sätz­lich rich­tig mit “zwei Wochen” an. Durch den Zusatz einer Fuß­no­te mit dem Fuß­no­ten­text “Bit­te Frist im Ein­zel­fall prü­fen” ver­mit­tel­te die Beleh­rung indes­sen hier den Ein­druck, die Län­ge der Frist kön­ne je nach den nicht mit­ge­teil­ten Umstän­den des Ein­zel­falls vari­ie­ren und es sei Auf­ga­be des Ver­brau­chers, die in sei­nem Fall gel­ten­de Frist selbst fest­zu­stel­len (…).“ (BGH Urteil vom 12.07.2016 Az. XI ZR 564/15)

Die­se Fest­stel­lung ist für ähn­li­che Wider­rufs­be­leh­run­gen übertragbar.

Vie­le Spar­da-Ban­ken, VR-Ban­ken und Volks­ban­ken haben län­ge­re Zeit eine Wider­rufs­be­leh­rung ver­wen­det, die eine Fris­tan­ga­be von „zwei Wochen (einem Monat)“ ent­hielt. Hier wur­de oft eine Fuß­no­te ange­hängt mit wei­te­ren Erklä­run­gen. Nach dies­sei­ti­ger Ansicht dürf­te die Marsch­rich­tung des BGHs hin­sicht­lich die­ser Wider­rufs­be­leh­rung auf­grund des ergan­ge­nen Urteils deut­lich gewor­den sein.

Der BGH stellt zudem fest, dass die Kau­sa­li­tät der Feh­ler in der Wider­rufs­be­leh­rung kei­ne Rol­le spie­len. Es ist daher nicht zu ent­schei­den, ob der Man­gel in der Wider­rufs­be­leh­rung im kon­kre­ten Fall kau­sal für den unter­blie­be­nen Wider­ruf war oder nicht.

Auf die Kau­sa­li­tät der unter b) auf­ge­führ­ten Beleh­rungs­feh­ler für das Unter­blei­ben des Wider­rufs kommt es nicht an. Ent­schei­dend ist nur, ob die Beleh­rung durch ihre miss­ver­ständ­li­che Fas­sung objek­tiv geeig­net ist, den Ver­brau­cher von der Aus­übung sei­nes Wider­rufs­rechts abzu­hal­ten (…).“ (BGH Urteil vom 12.07.2016 Az. XI ZR 564/15)

Der BGH benennt das Wider­rufs­recht beim Namen als „ewi­ges Wider­rufs­recht“. Dies soll­te die anhal­ten­de Dis­kus­si­on bei eini­gen Gerich­ten, ob es ein „ewi­ges Wider­rufs­recht“ gibt oder nicht beenden.

Man­gels einer geset­zes­kon­for­men Beleh­rung stand den Klä­gern, wovon das Beru­fungs­ge­richt rich­tig aus­ge­gan­gen ist, ein soge­nann­tes “ewi­ges” Wider­rufs­recht zu, das sie noch im Juni 2013 aus­üben konn­ten.“ (BGH Urteil vom 12.07.2016 Az. XI ZR 564/15)

Der BGH führt eben­so aus, dass das Wider­rufs­recht grund­sätz­lich kei­ner zeit­li­chen Begren­zung unter­liegt (Für „Alt­ver­trä­ge“ von vor dem 11.06.2010 ist das Wider­rufs­recht per Gesetz zwi­schen­zeit­lich besei­tigt worden).

Für den hier maß­geb­li­chen Zeit­raum und die hier maß­geb­li­che Ver­trags­si­tua­ti­on, in der die Klä­ger den Wider­ruf im Jahr 2013 erklärt haben, hat der deut­sche Gesetz­ge­ber aus­drück­lich dahin optiert, eine auto­ma­ti­sche zeit­li­che Begren­zung für das Wider­rufs­recht im Fal­le einer unzu­rei­chen­den Beleh­rung des Ver­brau­chers nicht vor­zu­se­hen.“ (BGH Urteil vom 12.07.2016 Az. XI ZR 564/15)

Zugleich geht der BGH aber durch­aus davon aus, dass grund­sätz­lich eine Ver­wir­kung des Wider­rufs­rechts eben­so wie das rechts­miss­bräuch­li­che Aus­übun­gen des Wider­rufs­rechts mög­lich ist.

Hier scheint der XI. Senat eine ande­re Auf­las­sung zu ver­tre­ten als ande­re Sena­tes des BGHs, die bei ähn­li­chen Rechts­fra­gen hin­sicht­lich der zeit­li­chen Gren­zen des Wider­rufs­rechts Ver­wir­kung und Rechts­miss­brauch abge­se­hen von Extrem­fäl­len grund­sätz­lich abge­lehnt haben. Der für Ban­ken zustän­di­ge XI. Senat hält sich hin­ge­gen ein deut­lich grö­ße­res Schlupf­loch offen.

Der BGH spricht in sei­nem Urteil vom 12.07.2016 Az. XI ZR 564/15 davon, dass die beklag­te Bank sich u.a. schon des­halb nicht auf Ver­wir­kung beru­fen kann, weil sie nicht nach­be­lehrt hat. In der Tat sah der Gesetz­ge­ber die Mög­lich­keit einer Nach­be­leh­rung im § 355 Abs. 2 BGB a.F. vor. Bis auf sehr weni­ge Fäl­le ist dies aller­dings bei Dar­le­hens­ver­trä­gen i.d.R. nicht pas­siert. Der BGH wirft sodann die Fra­ge auf, ohne sie frei­lich zu beant­wor­ten, was ist im Fal­le eines bereits been­de­ten Dar­le­hens­ver­tra­ges. Ob hier eben­falls nach­be­lehrt hät­te wer­den kön­nen und ob dies sinn­voll gewe­sen wäre, bleibt unbe­ant­wor­tet. Es könn­te sein, dass der BGH sich hier eine Hin­ter­tür schaf­fen will, um eine Ver­wir­kung bei bereits been­de­ten Dar­le­hens­ver­trag unter bestimm­ten Bedin­gun­gen anzu­neh­men. Nach­dem der Ver­si­che­rungs­se­nat des BGHs Ver­wir­kung auch nach Ver­trags­en­de bis­her eher abge­lehnt hat, kann der Ban­ken­se­nat dies nur dann anders sehen, wenn er ein Allein­stel­lungs­merk­mal fin­det (z.B. die Nach­be­leh­rungs­op­ti­on). Anders als ande­re Gerich­te ist der BGH und die Senat unter­ein­an­der an die jewei­li­ge Recht­spre­chung gebun­den und kön­nen davon nur unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen abweichen.

Kein Rechts­miss­brauch beim Wider­ruf von Darlehensverträgen.

Hin­sicht­lich des rechts­miss­bräuch­li­chen Aus­übens des Wider­rufs folgt der XI. Senat hin­ge­gen sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung und der der ande­ren Sena­ten des BGHs. Ein Rechts­miss­brauch des Wider­rufs­rechts kommt i.d.R. nicht in Betracht. Dies ins­be­son­de­re gera­de auch dann nicht, wenn nur aus rein wirt­schaft­li­chen Grün­den wider­ru­fen wird. Im Ergeb­nis völ­lig zutref­fend. Die Bank han­delt ihrer­seits eben­falls nicht aus altru­is­ti­schen Grün­den, war­um soll­te es dann der Darlehensnehmer.

Die Annah­me der Ver­wir­kung und des Rechts­miss­brauchs bei Dar­le­hens­ver­trä­gen die noch wäh­rend der Lauf­zeit wider­ru­fen wur­den, soll­te end­gül­tig der Ver­gan­gen­heit ange­hö­ren. Bei bereits been­de­ten Dar­le­hens­ver­trä­gen wird die Dis­kus­si­on hin­ge­gen weitergehen.

In der Quint­essenz wird jedoch deut­lich, dass der BGH den angeb­li­chen wirt­schaft­li­chen Fol­gen für die Ban­ken kaum Bedeu­tung zumisst, ob der Wider­ruf wirk­sam ist oder nicht.

Glei­ches gilt für die gesamt­wirt­schaft­li­chen Fol­gen der ver­mehr­ten Aus­übung von Ver­brau­cher­wi­der­rufs­rech­ten. Dass sich die Kre­dit­wirt­schaft auf­grund der gegen­wär­ti­gen Nied­rig­zins­pha­se oder des gehäuf­ten wirt­schaft­li­chen Schei­terns dar­le­hens­fi­nan­zier­ter Betei­li­gungs­kon­zep­te — immer­hin auf­grund eige­ner Beleh­rungs­feh­ler — der mas­sen­haf­ten Aus­übung von Wider­rufs­rech­ten gegen­über sieht, ist — unbe­scha­det der Fra­ge, ob dies die Rechts­po­si­ti­on der Klä­ger im kon­kre­ten Fall über­haupt beein­flus­sen könn­te — gene­rell kein Kri­te­ri­um, das bei der Anwen­dung des § 242 BGB auf das Wider­rufs­recht von Ver­brau­chern Berück­sich­ti­gung fin­den kann. Dass Wider­rufs­rech­te wie das der Klä­ger in einer Viel­zahl von Fäl­len zeit­lich unbe­fris­tet gel­tend gemacht wer­den konn­ten, beruht — wie oben aus­ge­führt — auf einer bewuss­ten Ent­schei­dung des deut­schen Gesetz­ge­bers. Sie kann nicht durch eine exten­si­ve Anwen­dung des § 242 BGB unter­lau­fen wer­den, um so emp­fun­de­ne ver­meint­li­che Defi­zi­te bei einem sach­ge­rech­ten Aus­gleich der Inter­es­sen der Ver­trags­par­tei­en auf­zu­wä­gen“ (BGH Urteil vom 12.07.2016 Az. XI ZR 564/15)

Der BGH sorgt wei­ter­hin für etwas mehr Trans­pa­renz bei dem Nut­zungs­er­satz zuguns­ten des Dar­le­hens­neh­mers hin­sicht­lich der Rück­ab­wick­lung von Darlehensverträgen.

Bis­her wur­de anhand der bestehen­den BGH-Recht­spre­chung davon aus­ge­gan­gen, dass Dar­le­hens­neh­mer einen Anspruch gegen­über der Bank auf Nut­zungs­er­satz in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über Basis­zins­satz haben. Der BGH hat in sei­nem Urteil vom 12.07.2016 Az. XI ZR 564/15 dies differenziert.

Bei nicht grund­pfand­recht­lich besi­cher­ten Dar­le­hen, die nicht unter den § 497 BGB fal­len, fin­den wei­ter­hin die­se 5 Pro­zent­punk­te über Basis­zins­satz Anwendung.

Bei Immo­bi­li­en­dar­le­hen gilt seit dem Urteil vom 12.07.2016 hin­ge­gen nur eine Ver­mu­tung hin­sicht­lich der Nut­zun­gen der Bank von 2,5 Pro­zent­punk­ten über Basiszinssatz.

Eine nähe­re Begrün­dung wie­so dies so ist, nennt der BGH nicht. Der BGH bezieht sich ledig­lich auf die Ver­zugs­re­ge­lun­gen des Gesetz­ge­bers. Ein tat­säch­li­cher Bezug zu den Erträ­gen der Ban­ken wird hin­ge­gen nicht gezogen.

Der BGH weißt aller­dings expli­zit dar­auf hin, dass die­se Ver­mu­tung sowohl von der Bank als auch vom Dar­le­hens­neh­mer wider­legt wer­den kann.

In der Pra­xis bedeu­tet dies, wenn der Dar­le­hens­neh­mer der Bank nach­wei­sen kann, dass sie einen grö­ße­ren Nut­zen gezo­gen hat, dann muss die Bank die­sen her­aus­ge­ben. Lei­der benennt der BGH kei­ne Anhalts­punk­te, die er aus­rei­chen las­sen wür­de, die­sen grö­ße­ren Nut­zen zu bele­gen. Soll­te dies nur durch ein umfas­sen­des Gut­ach­ten eines Wirt­schafts­prü­fers mög­lich sein, wird es in der Pra­xis eine theo­re­ti­sche Mög­lich­keit für den Dar­le­hens­neh­mer bleiben.

Rei­chen hin­ge­gen Anga­ben aus den Geschäfts­be­rich­ten und den Erträ­gen der jewei­li­gen Bank aus, lie­ße sich bei vie­len Ban­ken auch ein höhe­rer Nut­zen dar­le­gen. Bei eini­gen in gewis­sen Zeit­räu­men aber unter Umstän­den auch ein geringerer.

Klar ist inso­weit, dass es nicht ledig­lich auf das Jah­res­er­geb­nis der jewei­li­gen Bank ankommt. Die­ses kann und war bei eini­gen Ban­ken bis­wei­len durch­aus auch ein­mal nega­tiv. Ein nega­ti­ver Nut­zungs­er­satz kann aber nicht zu Las­ten der Dar­le­hens­neh­mer gel­tend gemacht wer­den. Letzt­lich ent­sprä­che es auch nicht der gesetz­li­chen Rege­lun­gen des Rück­tritts­rechts, wel­ches für die Rück­ab­wick­lung der Dar­le­hens­ver­trä­ge die zwi­schen 01.11.2002 und 12.06.2014 geschlos­sen wur­den, maß­geb­lich ist. Die Geschäfts­be­rich­te der Ban­ken schlüs­seln lei­der nicht auf, woher das inves­tier­te Geld kommt und was damit kon­kret gemacht wur­de. Es besteht damit ein erheb­li­ches Beweis­pro­blem auf Sei­ten der Dar­le­hens­neh­mer höhe­re Erträ­ge darzulegen.

Es bleibt abzu­war­ten, wie sich die Gerich­te hier posi­tio­nie­ren wer­den. Es spricht aber vie­les dafür, dass die Gerich­te 2,5 Pro­zent­punk­te über Basis­zins­satz anneh­men wer­den und jede davon abwei­chen­de Ent­schei­dung wird ein­zel­fall­be­zo­gen bleiben.


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